

Das verschwundene Viertel
Die Juden von Köln und die Geschichte von Aschkenas
In der Bartholomäusnacht 1349 ging das Jüdische Viertel Kölns in Flammen auf. Die damals starben, empfanden sich als Kölnerinnen und Kölner, sie wurden Koppchen und Jutta gerufen, ihre Vorfahren lebten teilweise seit Generationen in der Stadt. Wie kam es, dass der von Erzbischof und Stadt verbriefte Schutz für die Juden an diesem Augusttag versagte? Davon erzählt dieses Buch.
Am Beispiel des Kölner Jüdischen Viertels beschreibt Frank Olbert konkret, wie der mittelalterliche Antijudaismus zu einer bewusstseinsformierenden Konstante des europäischen Denkens wurde.
Dazu gehören auch Lebensgeschichten: Mannus von Speyer kehrte nach Jahren in Jerusalem in seine Heimat zurück, nur um im Zuge des „Schöffenkriegs“ mitzuerleben, wie seine Familie zum Opfer des Machtkampfes zwischen Erzbischof und Stadt, Kaiser und Papst wurde.
„Das verschwundene Viertel“ stellt Bezüge zum aschkenasischen Judentum und zu seinen Zentren her, zu den berühmten SchUM-Gemeinden am Mittelrhein, Speyer, Worms und Mainz, die das jüdische Leben unter den Vorzeichen der Diaspora neu definierten. Eine Geschichte, die von der Ersterwähnung der Kölner Juden im Jahr 321 bis zur Ausgrabung des mittelalterlichen Viertels und zum Bau des Museums MiQua reicht.
Der Autor beschreibt Antijudaismus als ein historisch gewachsenes, vielschichtiges und bis heute wirksames Phänomen, das weit über religiöse Vorurteile hinausgeht. Er analysiert die theologischen, gesellschaftlichen und politischen Wurzeln, zeigt die konkreten Auswirkungen auf das jüdische Leben und betont die Notwendigkeit, sich dieser Geschichte aktiv zu stellen, um Wiederholungen zu verhindern.
Im 20. Jahrhundert sah man die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Straßen und Häuser im Kölner Untergrund zunächst nicht als Bereicherung des kulturellen Erbes, anders als das ebenfalls in den 50er Jahren ausgegrabene römische Praetorium. Es war ein langer Weg, bis die „Archäologische Zone“ als erinnerungspolitisch herausragender und weit über die Stadt hinausweisender Ort entstehen konnte.
Frank Olbert: „Das verschwundene Viertel“. Essay, Gans Verlag, Berlin, Oktober 2026. ISBN 978-3-946392-82-2
Lyrik & Essay im Gespräch
Agnieszka Lessmann
Schieferbruchverse
Agnieszka Lessmanns Gedichtzyklus korrespondiert mit dem Band „Das verschwundene Viertel“ von Frank Olbert und bildet mit diesem zusammen ein publizistisch-ästhetisches Projekt, das sich der jüdischen Geschichte Deutschlands auf besondere Weise nähert.

